Sa
14
Jan
2012
Was sich seit einigen Tagen im Schönbuch abspielt ist in Worten kaum zu beschreiben. In der Nähe des Soldatengrabs im Großen Goldersbachtal finden sich allabendlich unzählige Bergfinken ein, um dort gemeinsam zu nächtigen. Der Anflug beginnt gegen 15 Uhr und dauert bis zum Einbruch der Dunkelheit an. Was den Bestand angeht bleiben die Schätzungen extrem vage - der Zuflug zwischen ca. 15:45 und 16:45 ist derart massiv aber gleichzeitig diffus aus allen Himmelsrichtungen durch die Baumwipfel, dass an eine geordnete Erfassung kaum zu denken ist. Schätzungen gehen in die Größenordnung 5 Mio. plus.
Nur selten bekommt man in Europa ein solche Massenansammlung von Tieren, ein solches Naturschauspiel zu Gesicht. Millionen von Bergfinken fallen in Buchenmastjahren zum gemeinsammen schlafen an einem Ort ein. Gefolgt von Greifvögeln wie Sperber und Wanderfalke die sich so etwas ebensowenig wie die Ornithologen entgehen lassen wollen.
Mehr Infos zu diesem Phänomen finden sich unter www.nabu.de
Zuvor aber für alle die sich das Spektakel live anschauen wollen zwei Bitten:
1. Um den weiteren Verlauf der SP-Besetzung sowohl zeitlich als auch hinsichtlich des Bestandes zu dokumentieren, bitte unbedingt JEDE Beobachtung am SP (oder auch sonst Beobachtungen größerer
Gruppen) weiterhin im E-Mail-Verteiler, in MiniAvi oder in Ornitho.de dokumentieren. Jeder Hinweis ist wichtig - gerade auch wenn die Bestandsgröße wieder abnimmt - um die Phänologie beschreiben
zu können. Auch über die aktuelle Größe des Bestandes werden wir ein besseres Bild bekommen, wenn weitere Leute mit Erfahrung im Schätzen großer Vogelschwärme ihre Eindrücke mitteilen.
2. Die Vögel lassen sich hervorragend von den öffentlichen Wegen aus beobachten, fotografieren, filmen – bitte NICHT in den SP reinlaufen! Die Waldwege sind für Autos gesperrt.
Mit Dank an Nils Anthes, Ornithologe aus Tübingen dürfen wir hier eine persönliche Beschreibung und Einschätzung des Schlafplatzes veröffentlichen:
Lage: SW der Diebsteigbrücke im Großen Goldersbachtal (siehe Karte links). Die Vögel nutzen zum Sammeln die umliegenden Buchenbestände (vgl. Fotos – unscharf und vor Aufregung ganz wackelig, aber immerhin ein erster Eindruck, und fliegen zum Schlafen nach und nach in die (Jung-)Fichtenschonungen sowie den Buchenjungwuchs ein.
Das Spektakulum ist von den Forstwegen aus hervorragend zu beobachten. Der Ort ist aufgrund der zentralen Lage im Schönbuch allerdings nur mit einem längeren Fußmarsch oder mit dem Fahrrad zu erreichen. Entweder man kommt von Bebenhausen am Goldersbach entlang (ca. 8 km, relativ eben) oder von Wildgehege Entringen (ca. 4 km, steiler).
Uhrzeit: Den eigentlichen Schlafplatz habe ich erst recht spät entdeckt, daher können erst weitere Beobachtungen in den nächsten Tagen den zeitlichen Ablauf besser abbilden. Der
Anflug beginnt sicherlich schon gegen 15 Uhr, zu dieser Zeit sind in jedem Fall schon einige Trupps im Goldersbachtal in Richtung SP unterwegs. Gegen 16:15 waren mind. schon mehrere 100.000 Vögel
in der Nähe des SP, vermutlich aber schon deutlich mehr in den umliegenden Waldhängen. Gegen 16:45 dürfte der Großteil der Vögel an den Sammelplätzen in direkter Nachbarschaft des SP anwesend
gewesen sein. Gegen 17:10 saß ein Großteil der Vögel bereits dicht gedrängt im Innern der Jungfichten. Gegen 17:25 waren praktische alle Vögel an ihren Schlafplätzen und fleißig dabei, sich
geschwätzig die Erlebnisse des Tages zu berichten. Letzteres ist ein guter Zeitpunkt, um die exakten räumlichen Ausmaße des SP zu erfassen. Auf einer solchen ersten Abschätzung beruht die Karte
im Anhang.
Anzahl: Ich fand den SP deutlich zu spät, um den Anflug auch nur ansatzweise systematisch zu erfassen. Generell ist dies aufgrund des unübersichtlichen Geländes und des recht
diffusen Anflugs aus verschiedenen Richtungen sicherlich nicht einfach (vgl. Foto). Gegen 16:45, als sich ein erheblicher Teil der Ansammlungen gleichzeitig in die Luft machte, schätzte ich grob
2 Mio. Individuen. Angesichts der Ausmaße des SP vermute ich aber, dass es eher mehr sind: Im Winter 2008/2009 nächtigten in Österreich 4-5 Mio. Bergfinken auf gerade einmal 2,26 ha Fläche (Khil
et al. 2011, Limicola 25:81-100) – die Fläche der als SP genutzten dicht bestandenen Fichtenschonungen im Goldersbachtal betrug gestern grob abgegrenzt dagegen etwa 10-15 ha (wobei ich natürlich
die Dichte der Vögel im Vergleich zu Österreich überhaupt nicht einschätzen kann).
Prädatoren: 2 Sperber, 1 Habicht und 2 Wanderfalken waren gestern am Sammelplatz aktiv. Erfolgreiche Attacken habe ich nicht sehen können.
Dauerhafter Schlafplatz? Ich gehe davon aus, dass der SP bereits während der letzten Tage an selber Stelle bestand. Alle bislang gemeldeten Beobachtungen (nahe Bebenhausen, Kayh,
Heuberger Tor) betreffen größere Sammelplätze, die am späten Nachmittag aufgesucht wurden, und von denen aus die Vögel vermutlich anschließend den eigentlichen SP anflogen. Zumindest wurde von
keinem dieser Orte bislang vom eigentlichen Einflug in Schlafbäume (erfolgt erst gegen 17 Uhr) berichtet.